Lemgo. Tiere waren schon immer gute Therapiehelfer, auch wenn die Schulmedizin sich bisher nicht sonderlich für dieses Thema interessiert hat. Mit dem „Latein am Ende“ war das Ehepaar Heike und Uwe Meier aus Lemgo Anfang des Jahres. Therapieformen für ihre fünfjährige Tochter Alicia hatten sie schon einige ausprobiert. Das Mädchen leidet seit Geburt an einer Hirnfehlbildung. Ende April gingen die Meiers einen anderen Weg. Sie flogen nach Florida zur Delfin-Therapie.
Erfinder der „Dolphin Human Therapy“ ist Dr. David Nathanson, ein Kinderpsychologe und -therapeut. Seit 1988, nach zehnjährigen Vorstudien, bringt er Kinder und Erwachsene mit Behinderungen verschiedenster Art, mit trainierten Delfinen zusammen. Laut Nathanson sind Delfine die nachsichtigsten und zärtlichsten Partner im Umgang mit ängstlichen, geistig oder körperlich geschwächten Kindern.
Alicia kann durch eine Operation nach dem heutigen Stand der Medizin nicht geholfen werden. Ihre Mutter erklärt: „Sie kann nicht greifen, laufen, alleine essen, nicht sprechen oder wirklich spielen.“
Heike Meier erinnert sich an die vier Wochen vor der Geburt: „Da haben uns die Ärzte gesagt, dass etwas mit dem Kind nicht in Ordnung ist. Die Untersuchungen ergaben, dass wir ein behindertes Kind bekommen werden. Nach der Geburt hieß es dann noch, Alicia sei nur entwicklungsverzögert, das Problem hätte Albert Einstein früher auch gehabt. Erst nach vier Monaten wurde uns mitgeteilt, dass unser Baby wohl nie gesund wird.“
Harte Zeiten für die Meiers. Es folgten diverse Versuche, mit Therapieformen eine Verbesserung für das Mädchen herauszuholen. Ohne echten Erfolg. „Die Reittherapie hat sicher ein bisschen was verbessert, aber nicht nennenswert“, erinnert sich Heike Meier an Versuchen jenseits von standardisierter Krankengymnastik. Erst in diesem Frühjahr der Lichtblick: Mit Informationen gespickt und nach Monaten auf der Warteliste, erhielt das Ehepaar einen Termin in Florida zur Delfin-Therapie. Für 18 Tage flogen sie über den großen Teich. Mit dabei auch der kleine Sohn Lennard. Das Ziel: Key Largo.
Die Annahme, die der Therapie zugrunde liegt ist, dass Kinder oder Erwachsene, quasi als Folge des Wunsches mit dem Delfin zu kommunizieren, aufmerksamer werden. Die Steigerung der Aufmerksamkeit wiederum ist entscheidend für Verbesserungen. Das Spiel mit dem Delfin wird benutzt, um die Person dafür zu belohnen, dass sie eine Anforderung gut umgesetzt hat.
Heike Meier: „Wir waren 14 Tage im Center, jeden Tag ungefähr 90 Minuten in der Therapie, davon eine Stunde am Dock mit dem Delfin. Alicia ließ die Füße ins Wasser baumeln und durfte zur Belohnung mit ihm schwimmen oder neben ihm paddeln.“
Die drei Monate seit dem Aufenthalt in der USA betrachtend, steht für die Mutter fest: „Diese Delfin-Therapie hat mehr gebracht als alles andere in den fünf Jahren zuvor.“ Alicia könne jetzt kleinere Dinge greifen und festhalten und wäre viel fröhlicher. „Sie lächelt einfach mehr, seit wir in Florida waren“, sagt Heike Meier. Die recht stattliche Summe von allein 7500 Dollar für die Therapie (plus Flug, Unterkunft, Verpflegung sind mehr als 15 000 Euro drauf gegangen) habe sich gelohnt.
Mehr noch: Florida steht für 2003 erneut als Wunsch im Raum. Bis dahin wird gespart im Hause Meier. Alicias Mutter hofft auf eine weitere Steigerung der Lebensqualität bei ihrer Tochter. Noch heute nutzt das Mädchen die Bildtafeln aus Key Largo. Tafeln, die Alicia zur Verwunderung ihrer Eltern nach der Therapie teilweise zuordnen konnte. Ein Fortschritt, der in Deutschland, trotz einer Betreuung in Kliniken von Bonn, Münster oder Detmold, nie erzielt wurde.
Die Prognose der Ärzte für Alicias Zukunft steht fest: Ein Leben im Rollstuhl. Für die Eltern ist das kein Hindernisgrund, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um das Leben ihrer Tochter lebenswert zu gestalten. „Neulich lag ein anonymer Brief im Kasten, da waren sogar 100 Euro darin. Für Alicia. Das sind Momente, wo ich weiß, dass andere Menschen an unserem Schicksal teilhaben“, erinnert sich die Mutter.
Text und Bild aus der Lippischen Landes-Zeitung vom 27.07.2002