Breitenbach. Das Sternenbanner weht noch an Tanja Berns Auto – Erinnerungen an einen Aufenthalt in Florida. Drei Wochen ist die 33-Jährige mit ihrer Tochter Scarlett dort gewesen: Zu einer Delfin-Therapie in Key Largo bei Dr. David Nathanson.
Scarlett, die im Juli zehn Jahre alt wird, kam behindert zur Welt. Von der Therapie versprach sich ihre Mutter Fortschritte in ihrer Entwicklung. Und sie ist nicht enttäuscht worden. „Die Delfin-Therapie hat meiner Tochter einen richtigen Schub versetzt“, sagt sie.
Dass die kleine Familie aus Essen überhaupt nach Florida reisen konnte, verdankt sie Menschen, die für Scarletts Behandlung Geld spendeten. Rund 12 000 Euro gingen für das kleine Mädchen ein. Ein großer Teil dieser Summe kam aus Breitenbach, wo Tanja Berns aufwuchs und ihre Eltern leben.
Die Familie, Verwandte, Freunde, Bekannte und Nachbarn spendeten. Geld kam auch von den Lüdersdorfer Landfrauen, von der Singenden Gemeinde und dem Posaunenchor Breitenbach, der Laufgruppe und der Gymnastikgruppe für Junggebliebene des Turnvereins.
„Wir sind sehr froh über diese Unterstützung und möchten allen Spendern herzlich danken“, sagt Tanja Berns, die in Essen ein Fitness-Zentrum leitet. Denn allein hätte die Familie Reise und Behandlung nicht finanzieren können. Delfin-Therapien werden von den Krankenkassen in der Regel nicht bezahlt. Insgesamt kostete der dreiwöchige Aufenthalt in Florida etwa 17 000 Euro. „Obwohl wir so sparsam gelebt haben wie möglich.“
Scarlett ist ein ausgesprochen hübsches Mädchen, mit blonden Haaren und wunderschönen blauen Augen. Welche Ursache ihre Behinderung hat, ist trotz zahlreicher Untersuchungen nichts geklärt. Ihre motorischen Fähigkeiten sind stark eingeschränkt. Laufen kann sie nur mühsam, wenn sie an die Hand genommen wird. Außerdem spricht die Neunjährige nur wenige Worte und leidet unter epileptischen Anfällen. Dennoch, sagt ihre Mutter, sei sie ein glückliches und zufriedenes Kind, das stundenlang hingebungsvoll spielen kann, am liebsten mit Lego, ihren Puppen oder im Sandkasten. Tagsüber besucht die Neunjährige eine Waldorf-Schule für geistig behinderte Kinder. Tanja Berns akzeptiert und liebt ihre Tochter, so wie sie ist. „Ich hadere nicht mit dem Schicksal.“
Nach Key Largo reiste die Familie im April. Dr. Nathanson – Spitzname Dr. Flipper – gilt als Urvater der Delfin-Therapie, berichtet Tanja Berns. Er hat entdeckt, dass Kinder mit Handicaps durch den Umgang mit den Meeressäugern ganz erstaunliche Fortschritte in ihrer Entwicklung machen können. Delfine stellen sich offenbar intuitiv auf die besonderen Bedürfnisse dieser Jungen und Mädchen ein.
Bei Scarlett ließ sich die Therapie wenig viel versprechend an. „Während der ersten beiden Stunden hat sie nur gebrüllt“, sagt ihre Mutter. „Doch dann war es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Sie hatte nur noch Spaß.“
Jeweils eine Stunde am Tag arbeitete eine Therapeutin intensiv mit ihr. An Land übte sie zum Beispiel mit Scarlett, sich mit Hilfe von Bildtafeln zu verständigen. Hatte sie ihre Sache gut gemacht, ging es als Belohnung eine Runde ins 27 Grad warme Atlantik-Wasser – um mit Delfin Genie zu spielen und sich von ihm durchs Wasser ziehen zu lassen. „Vorher hatte meine Tochter panische Angst vor Wasser gehabt – dann wollte sie überhaupt nicht mehr raus.“
Scarlett machte rasch Fortschritte. Nach ein paar Tagen in Florida angelte sie sich zum Beispiel einen Kaugummi aus der Handtasche ihrer Mutter und kaute vergnügt darauf herum. „Vorher konnte sie das nicht, weil ihr Kiefer verkrampft und die erforderlichen Bewegungen gar nicht möglich waren.“ Auch beim Sprechen überraschte die Neunjährige. „Sie brachte plötzlich Wörter heraus, die ich noch nie von ihr gehört habe“, berichtet ihre Mutter.
Insgesamt seien Scarletts Bewegungen flüssiger und gezielter, ihre Muskulatur lockerer geworden. Das hätten auch die Therapeuten, die hier in Deutschland mit ihrer Tochter arbeiten, bestätigt, sagte Tanja Berns. Zu Dr. Nathanson hatte die Kleine einen ganz besonderen Draht. „Sie hat regelrecht mit ihm geflirtet“, erinnert sich ihre Mutter schmunzelnd.
Dr. Nathanson fand, dass in Scarlett noch ein großes Potential steckt, das nur geweckt werden müsste. Sie wisse genau, welche Menschen in ihrem Leben wichtig seien und könne genau differenzieren. „She is so smart“, sagte er.
Auch
Tanja Berns lernte in Florida dazu: Zum Beispiel, wie sie sich mit einer Gebärden
unterstützenden Sprache besser mit ihrer Tochter verständigen kann.
Und sie erwarb sich eine Menge Know-how über Delfin-Therapien und wie
man an die begehrten Plätze herankommt. Dieses Wissen soll jetzt auch anderen
Familien mit behinderten Kindern zugute kommen. Die 33-jährige ist gerade
dabei, einen gemeinnützigen Verein zu gründen, der Spendengelder für
Delfin-Therapien sammelt und die Reisen in die USA organisiert.
Solche Vereine gibt es zwar schon, aber „ich habe keine guten Erfahrungen damit gemacht“, sagt sie. „Zuviel Geld versickert in der Bürokratie.“ Der Verein, bei den Scarlett auf der Warteliste für eine Therapie stand, habe es zu Beispiel in zwei Jahren nicht geschafft, ihre Unterlagen in die USA zu faxen.
Da sie ausschließlich mit amerikanischen Therapiezentren arbeiten will, bekommt ihr Verein einen englischen Namen: „Children with special needs“, übersetzt „Kinder mit besonderen Bedürfnissen“. Auf diesen Namen hat Dr. Nathanson sie gebracht.
Denn nach seiner Auffassung gibt es keine behinderten Kinder, sondern nur solche mit besonderen Bedürfnissen.
Für Scarlett hat Tanja Berns bereits einen Termin für die nächste Therapie. Im Juni nächsten Jahres soll es ein Wiedersehen mit Genie geben.
Wer die Arbeit des neu gegründeten Vereins unterstützen oder speziell für Scarlett spenden möchte, kann sich mit Tanja Berns Eltern Ingrid und Peter Gastmann in Verbindung setzen unter Tel.: 06622/3321.
Text und Bilder aus der Hessischen-Neuen-Allgemeinen-Zeitung vom 00.00.2002